Das Öl ist angekommen!

Nicht bei uns, nur keine Panik… ich muss mir also keine Gedanken machen, daß es zum Beispiel eine  Krähe aus meinem natürlichen Umfeld erwischt!  Mit der bin ich nämlich praktisch auf Du und Du,  und schon bald werden sie und ich gattungsbedingte Hürden ein durchaus achtbares Stück hinter uns gelassen haben . Das dürfte sich bei den demnächst betroffenen vielerlei Tierarten im Missisippi-Delta ein wenig schwieriger gestalten: Von denen uns gegenüber Respekt einzufordern, wäre ein absurdes Unterfangen. Ein Ölteppich ist nicht gerade das, womit man seine eigene Unbescholtenheit plakativ demonstriert. Dieser ist eher geeignet, den im Wortsinne zähflüssigen Einfluss von Dummheit und Gier nachhaltig zu illustrieren. 

Warum und wozu aber auch noch nahezu unberührte Landschaft? Das tragische Dilemma einer unmenschlichen, weil den Menschen rigoros ausblendenden Natur liegt in ihrer spöttischen Handhabe des Zivilisationsbegriffs. Damit ist sie tolldreisten Anfeindungen des Menschen nicht nur ausgesetzt:  Sie ist längst zum Tode verurteilt, hadert aber noch mit ihrem Richter, weil der, sympathieheischend wie er stets auftritt, sich immer anderslautend hat zitieren lassen. Es ist also mit ihnen zu rechnen, mit den großen Entscheidern der Geschichte. Auch wenn sie nur den fatalen Eindruck paranoider Stolperfallen erwecken, die mit experimentierfreudigem Genuss Opfer scheinbar auswählen, um dann doch in erstaunliche Gleichgültigkeit zu versinken.

Au weia! Der Krähe aus meinem widernatürlichen Bekanntenkreis steht plötzlich so gar nicht mehr der Sinn nach einem vertieften Kennenlernen. Sie scheint viel mehr beschlossen zu haben, umgehend den Golf von Mexiko ansteuern zu wollen, um dort erste Hilfe zu leisten. Ich werde sie sicher nicht davon abhalten wollen und können. Ich glaube auch, daß sie sich allein schon ihrer äußeren Gestalt wegen überragend schnell assimilieren wird: Pechschwarzes Gefieder als in Kürze konkurrenzloser Trendlook zwischen Florida und Louisiana, der allem Anschein von farbiger Lebendigkeit in überschäumender BP-Markenstimmung den Garaus machen wird.  Eine Träne muss ich meiner Krähe also bestimmt nicht nachweinen. Ihre vergebliche Hilfsbereitschaft legt sich auf meinen ersten Unmut wie ein wohliges Trostpflästerchen. Und sie wird wiederkommen, davon darf ich ausgehen. Sie wird zurückkommen, auch wenn der Wiedererkennungswert nahe Null liegen dürfte. Für mich nicht überraschend wird sie den Weg über Land gewählt haben, den Luftweg als solchen dürfte sie endgültig abgeschrieben haben. Äußerlich hinterlässt ein solches Streckenmartyrium natürlich Spuren: So manche hübsche Feder wird nur noch notdürftig angepappt sein, obwohl ihr mit dem Öl genügend Haftmaterial mit an die Kralle gegeben wurde.  Doch egal, wie sehr ihr diese unvermeidbare Katastrophe auch zugesetzt hat, ich werde sie mit offenen Armen empfangen. Ich werde ihr ein warmes Bad anbieten, wohlwissend, daß lebensverlängernde Maßnahmen einfach nicht mehr drin sind. Natürlich wird sie darauf bestehen müssen, daß ich kein Ölbad verwende. In dem Punkt zahlt sich das einmal gewonnene Vertrauen vollends aus, soviel steht fest.  Doch klar ist auch: Die Krähe wird untergehen. Sie wird wenige Momente nur im warmen Wasser plantschen, und dann werden ihre letzten Kräfte endgültig versiegen. Ich werde mir ihren Untergang nicht wirklich nahe gehen lassen, weil im Grunde genommen ja Welten zwischen uns und den Viechern liegen. Aber wenn ich sie dann aus der kleinen verschmutzten Wanne herausgeholt habe, werde ich mich schon fragen müssen: Wohin mit den schäbigen Teerresten?  Und wohin mit einem Krähentier, daß Dinge gesehen hat, auf die wir längst gefasst sind, weil moderne Nachrichtensendungen dem eigentlich Erschütternden immer einen tadellos hübschen, fast schon malerischen Rahmen verleihen?  Also wohin mit etwas, daß uns so plötzlich vor der eigenen Haustür daran erinnert, daß Öl nicht zwangsläufig dem Salat gut tut, oder der verausgabten Fahrradkette…? 

Ich für meinen Teil bleibe am Ball. Ich sehe mir vorbehaltlos an, was Bohrplattformen anzurichten in der Lage sind, wenn sie aus dem Ruder laufen. Sie tun es ja nicht ständig. Wenn alles nach Plan läuft, tun sie es ja sogar für uns. Davon kann man sich an jeder Tankstelle überzeugen. Und außerdem muss man nicht gleich mit dem nächstbesten Schnabeltier anbandeln, bloß weil einen irgendein Ethos befällt, an dessen Nichtverwirklichung uns nun wirklich keine Schuld trifft. Wenn ich ein Ölbad nehme, schwappt auch schon mal was über.  Das kann sich auch schon mal zum Nachteil einer Gummiente auswirken. Aber deswegen hat die doch nicht die Stirn und beschwert sich über unsere Art zu leben… und zu baden!

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